Die Kommunalwahl 2025 in Solingen ist mehr als nur eine Entscheidung über Köpfe und Parteien, sie ist ein Testfall für die Frage, ob diese Stadt den Mut aufbringt, sich aus eingefahrenen Strukturen zu lösen – oder ob man sich erneut in die vertraute Umarmung der Vergangenheit begibt. Wer in diesen Tagen die Diskussionen verfolgt, sei es auf Podien, in Vereinsheimen oder an den digitalen Stammtischen, der spürt, wie tief die Verunsicherung reicht: Es geht nicht nur um Innenstadtentwicklung oder Sicherheit auf Stadtfesten, es geht auch um die Glaubwürdigkeit politischer Führung.
Josef Neumann, seit Jahrzehnten eine feste Größe im Solinger Politikbetrieb und tief verwurzelt in der SPD, tritt an mit der Autorität des Erfahrenen, der sich aus Landes- und Kommunalpolitik gleichermaßen speist. Doch genau darin liegt für viele Bürgerinnen und Bürger die Schwäche: Der Name Neumann steht nicht für Aufbruch, sondern für die Fortschreibung eines Politikstils, der Solingen in weiten Teilen geprägt hat – und der in den Augen vieler zu wenig Veränderung, zu viel Verwaltung des Status quo gebracht hat. Wer Neumann wählt, der entscheidet sich nicht nur für einen Menschen, sondern für ein „Weiter-so“, für ein vertrautes Muster, in dem politische Netzwerke und alte Köpfe die Richtung bestimmen.
Dem gegenüber steht Daniel Flemm von der CDU, ein Kandidat, der mit dem Versprechen auftritt, die Führung in der Stadt zu verjüngen und Verantwortung neu zu denken. Er signalisiert, dass Solingen nicht länger nur verwaltet, sondern gestaltet werden muss. Seine Stärke liegt nicht allein im Alter oder in der Außendarstellung, sondern im Anspruch, Führung neu zu definieren: pragmatisch, dialogorientiert und mit einem klaren Fokus auf Sicherheit, Wirtschaft und Verwaltungsmodernisierung. Wer die CDU wählt, entscheidet sich damit nicht automatisch für konservative Rezepte, sondern für die Chance auf eine Kurskorrektur, die dringend nötig erscheint.
Dass es dabei nicht nur um parteipolitische Arithmetik geht, zeigt ein Blick auf die möglichen Koalitionsoptionen. Ein Bündnis von SPD und Grünen würde kaum etwas Neues hervorbringen – zu stark erinnern die vergangenen Jahre daran, wie sich beide in kleinteiligen Projekten verzettelten, ohne den großen Wurf zu schaffen. Eine Kombination von CDU mit FDP und BfS oder gar „Solingen Zukunft“ birgt zwar die Gefahr der Profilverwässerung, eröffnet aber zumindest die Möglichkeit, einen anderen Politikstil einzuleiten. Die Große Koalition zwischen CDU und SPD bleibt ein denkbares Szenario, doch sie wäre eher Notlösung als Aufbruch.
Die Frage ist also, wie viel Mut die Solingerinnen und Solinger am Wahltag aufbringen wollen. Wollen sie das alte Muster fortschreiben, in dem bekannte Gesichter den Ton angeben und die Verwaltung weitgehend so weitermacht wie bisher? Oder wollen sie den Schritt wagen, einer jüngeren Führung die Chance zu geben, die Stadt aus der selbstverschuldeten Stagnation herauszuführen?
Als jemand, der Solingen seit Jahrzehnten beobachtet, der die Verflechtungen zwischen Verwaltung, Politik und Gesellschaft immer wieder kritisch beleuchtet hat, komme ich nicht umhin festzustellen: Diese Wahl ist ein Scheideweg. Nicht, weil plötzlich alle Probleme gelöst werden könnten – das wäre Illusion. Aber weil sie entscheidet, ob die Bürgerinnen und Bürger bereit sind, dem bekannten „Weiter-so“ zu entkommen.
Josef Neumann ist die sichere Wahl für alle, die das Bekannte bevorzugen. Doch wer an eine Zukunft glaubt, die mehr verlangt als routinierte Verwaltung, der muss sich fragen, ob nicht gerade jetzt der Moment ist, einen Generationswechsel zuzulassen. Daniel Flemm steht für diesen Wechsel – nicht als Heilsbringer, sondern als Signal: Solingen kann mehr, wenn man es wagt, alte Strukturen zu durchbrechen.
Am Ende liegt es an den Wählerinnen und Wählern, ob sie diese Chance ergreifen. Doch klar ist schon heute: Wer immer die Stadt führen wird, wird sich daran messen lassen müssen, ob er Solingen tatsächlich bewegt – oder nur weiter verwaltet.