Man muss es der Solinger Wirtschaftsförderung lassen:
Was jahrelang angeblich komplex, vielschichtig und systemisch war, ist im aktuellen Montagsinterview des Solinger Tageblatt plötzlich erstaunlich einfach erklärt.
Denn sinngemäß lautet die neue Botschaft:
👉 Ein Mann ist weg – und damit auch alle Probleme.
Der neue (und alte) Aufsichtsratsvorsitzende Horst Gabriel erklärt, die „alten Zeiten“ von „sich gegenseitig helfen und unterstützen“ – manche würden es Filz oder Klüngel nennen – seien vorbei.
Bemerkenswert ist weniger diese Aussage als die unausgesprochene Logik dahinter.
Denn wenn jetzt alles anders ist, dann muss ja früher alles falsch gewesen sein.
Und wenn jetzt, nach dem Abgang von Frank Balkenhol, plötzlich Transparenz, Kontrolle und gute Strukturen herrschen, dann stellt sich eine fast schon naive Frage:
👉 Hat wirklich niemand etwas gewusst?
👉 Hat niemand mitgetragen, mitentschieden, mitprofitiert?
Oder anders gesagt:
Will man uns ernsthaft erklären, dass eine gesamte Wirtschaftsförderung, ein kompletter Aufsichtsrat, eine Verwaltungsspitze – und über Jahre auch ein Oberbürgermeister wie Tim Kurzbach – lediglich Opfer einer einzigen Person waren?
Das wäre nicht nur bequem.
Es wäre lächerlich.
Denn an den Strukturen ändert sich auffallend wenig:
Die handelnden Personen bleiben größtenteils dieselben
Die Selbstdarstellung wird jetzt nur positiver formuliert
Kritik an Wirtschaftsförderung und IT-Abteilung, die über Jahre vorgetragen wurde, galt stets als überzogen oder störend
Heute hingegen sollen genau diese Strukturen plötzlich modern, lernfähig und transparent sein – einfach, weil ein Name fehlt.
Das ist kein Neustart.
Das ist Kopf-aus-dem-System-rechnen.
Was hier fehlt, ist eine ernsthafte Aufarbeitung:
Was ist in den letzten fünf bis zehn Jahren konkret schiefgelaufen?
Wer hat welche Entscheidungen getroffen oder abgesegnet?
Welche Warnsignale wurden ignoriert – und warum?
Ein paar Köpfe austauschen, ein paar Interviews geben und ansonsten weitermachen wie bisher – das mag politisch bequem sein.
Für eine Stadt wie Solingen ist es aber zu wenig.
Wer wirklich verhindern will, dass sich Filz, Klüngel und Intransparenz wiederholen, muss mehr tun als Personalrochaden.
Er muss den Mut haben, Strukturen, Abläufe und Verantwortlichkeiten offenzulegen – auch wenn das unbequem wird.
Alles andere ist kein Neuanfang.
Es ist nur eine Umetikettierung des Alten.