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Stichwahl Solingen: Ein Wahllokal als Spiegel der Verwaltung

Veröffentlicht am 20.09.2025. · Archiviert von Bernd Grah

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Stichwahl Solingen

Es gibt Städte, die schaffen es, Großprojekte in Rekordzeit auf den Weg zu bringen, digitale Infrastruktur klug auszubauen und ihren Bürgerinnen und Bürgern zumindest das Gefühl zu geben, dass Verwaltung und Politik an einem Strang ziehen. Und dann gibt es Solingen. Hier entwickelt sich das Alltägliche regelmäßig zur kleinen Posse – und manchmal reicht schon ein Wahllokal, um das Bild einer ganzen Stadt zu erklären.

Was war geschehen? Eigentlich nichts Spektakuläres, aber genau darin liegt die Tragik: Die Organisation des Wahllokals wirkte so improvisiert, dass man sich fragen musste, ob man sich gerade in einer Metropole des 21. Jahrhunderts oder in einem Provinznest des 19. Jahrhunderts befand. Menschen standen ratlos herum, Abläufe waren unklar, Transparenz ein Fremdwort. Ein Spiegelbild dessen, was man in Solingen seit Jahren beobachten kann: viel guter Wille, wenig Umsetzung, und dazwischen das allgegenwärtige Schulterzucken, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte.

Natürlich könnte man jetzt den neuen Bürgermeisterkandidaten ins Visier nehmen, aber das wäre billig. Er trägt für diese Posse keine Verantwortung. Nein, verantwortlich ist die bisherige Führung – jene, die über Jahre hinweg die Rahmenbedingungen gesetzt hat und in deren Amtszeit eben genau solche Pannen, Versäumnisse und Organisationsschwächen zum Normalzustand geworden sind. Es ist das System, das über Jahre gepflegt wurde: Man verwaltet, statt zu gestalten. Man reagiert, statt vorauszudenken. Und so kommt es, dass selbst ein Wahllokal zum Sinnbild einer Stadt wird, die auf der Stelle tritt.

Wer die Augen offenhält, erkennt die Muster: Ob es um Bauprojekte geht, um Digitalstrategien, um Transparenz oder Bürgernähe – zu oft bleibt Solingen hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Man könnte fast meinen, das Mittelmaß sei zur heimlichen Leitlinie erhoben worden. Und genau hier liegt die Gefahr: Bürgerinnen und Bürger gewöhnen sich an das „Es geht halt nicht besser“ und nehmen es irgendwann hin, dass man in Solingen den Anspruch an Fortschritt oder Modernität aufgibt.

Die kleine Episode vom Wahllokal ist deshalb mehr als nur eine Anekdote vom Rande einer Wahl. Sie ist symptomatisch für das, was diese Stadt lähmt. Sie zeigt, dass Strukturen, die jahrelang zementiert wurden, dringend aufgebrochen werden müssen. Dass Verwaltung endlich wieder Dienstleistung sein muss und nicht Dauerproblem. Und dass eine Stadt wie Solingen – mit all ihren Chancen, aber auch mit ihren selbstgemachten Altlasten – nur dann vorankommt, wenn man den Mut hat, alte Routinen zu verlassen.

Am Ende ist es eine Posse, die zum Nachdenken zwingt: Nicht über die Wahl selbst, nicht über den Kandidaten von morgen, sondern über die Führung von gestern. Denn wer jahrelang nicht dafür sorgt, dass selbst das Naheliegende zuverlässig funktioniert, muss sich fragen lassen, wie er je das Große hätte bewegen wollen.

Solingen hat mehr verdient als ein Schulterzucken und ein weiteres „Das war halt unglücklich gelaufen“. Vielleicht fängt Veränderung tatsächlich damit an, dass man eine Posse nicht mehr als Nebensächlichkeit abtut, sondern als Warnsignal ernst nimmt.